Liquidität messen: Kennzahlen für den Gründeralltag

Zahlen Kundinnen und Kunden später als erwartet oder fallen hohe Ausgaben vor den Einnahmen an, fehlt trotz Gewinn möglicherweise das Geld für fällige Rechnungen. Liquidität heißt, zu jedem Zahlungstermin genug verfügbare Mittel zu haben.

Plane deshalb voraus und prüfe neben dem Gewinn auch regelmäßig den Kontostand. Kennzahlen zeigen Veränderungen, sagen allein aber nicht voraus, ob eine konkrete Rechnung pünktlich bezahlt werden kann.

Liquiditätsplan aktuell halten

Ein Liquiditätsplan stellt erwartete Einzahlungen und Auszahlungen nach ihrem voraussichtlichen Zahlungstermin gegenüber. Dazu gehören Kundenzahlungen und Lieferantenrechnungen sowie laufende Kosten wie Miete und Gehälter. Plane außerdem Steuern und Umsatzsteuer, Investitionen sowie Zins- und Tilgungszahlungen ein. Bei Einzelunternehmen gehören auch private Entnahmen in die Planung. Eine gestellte Rechnung zählt dabei erst dann als Einzahlung, wenn das Geld voraussichtlich auf dem Konto eingeht.

Die Grundrechnung lautet:

Voraussichtlicher Endbestand = Anfangsbestand + erwartete Einzahlungen − erwartete Auszahlungen

Der Endbestand einer Periode wird zum Anfangsbestand der nächsten. So wird erkennbar, wann der Kontostand knapp wird und welche Zahlungen die Lücke verursachen. Plane möglichst die kommenden sechs bis zwölf Monate ein. Dieser Zeitraum ist eine praktische Empfehlung; vorgeschrieben ist er nicht. Prüfe zusätzlich konkrete Fälligkeitstage: Ein positiver Monatssaldo kann trotzdem eine Zahlungslücke verbergen, wenn eine größere Rechnung vor einer Kundenzahlung fällig wird.

Aktualisiere den Plan regelmäßig und gleiche die Prognose mit den tatsächlichen Zahlungseingängen und -ausgängen ab. Die Häufigkeit richtet sich nach Zahlungsvolumen und Schwankungen im Geschäft: Bei häufigen oder hohen Zahlungen bietet sich eine wöchentliche Prüfung an, bei ruhigeren Verhältnissen kann ein anderer Rhythmus genügen. Markiere den niedrigsten erwarteten Kontostand und prüfe, wie viel Zeit bis zu diesem Tiefpunkt bleibt.

Die wichtigsten Liquiditätsgrade

Liquiditätsgrade setzen kurzfristig verfügbare Mittel ins Verhältnis zu kurzfristigen Verbindlichkeiten, also Schulden, die bald bezahlt werden müssen. Die drei Stufen rechnen zu den verfügbaren Zahlungsmitteln erst kurzfristige Forderungen und dann Vorräte hinzu; kurzfristige Forderungen sind offene Rechnungen, deren Zahlung bald erwartet wird. Lege für Vergleiche immer gleich fest, welche Posten als kurzfristig zählen.

Kennzahl Formel Aussage
Liquidität 1. Grades (Kasse + Bankguthaben) ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100 Welcher Anteil der kurzfristigen Schulden ist sofort mit verfügbaren Zahlungsmitteln gedeckt?
Liquidität 2. Grades (Kasse + Bankguthaben + kurzfristige Forderungen) ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100 Wie sähe die Deckung aus, wenn kurzfristige Forderungen rechtzeitig eingehen?
Liquidität 3. Grades (Kasse + Bankguthaben + kurzfristige Forderungen + Vorräte) ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten × 100 Wie hoch ist die Deckung einschließlich der Vorräte, die erst verkauft werden müssen?

Kurzfristige Forderungen sind dabei kein sicheres verfügbares Guthaben: Eine verspätete oder strittige Zahlung schließt eine kurzfristige Lücke nicht.

Für die Liquidität 1. Grades werden häufig Orientierungswerte von etwa 20 bis 30 Prozent genannt. Bei der Liquidität 2. Grades gelten Werte deutlich über 100 Prozent als grober Richtwert; andere Empfehlungen nennen 120 bis 130 Prozent. Für die Liquidität 3. Grades finden sich ebenfalls unterschiedliche Spannen, darunter 130 bis 200 Prozent. Diese Werte sind keine allgemeingültigen Grenzwerte. Branche, Geschäftsmodell, Zahlungsziele und die Zuverlässigkeit der Forderungen verändern ihre Aussagekraft.

Working Capital und Reichweite

Das Working Capital zeigt, wie viel kurzfristiges Vermögen nach Abzug der kurzfristigen Schulden übrig bleibt. Zum kurzfristigen Vermögen zählen zum Beispiel Kasse und Bankguthaben. Hinzu kommen offene kurzfristige Forderungen sowie Vorräte:

Working Capital = Umlaufvermögen − kurzfristiges Fremdkapital

Ein negativer Wert bedeutet, dass die kurzfristigen Schulden das kurzfristige Vermögen übersteigen. Die Kennzahl zeigt die Lage zu einem bestimmten Bilanzstichtag. Sie sagt nicht, ob am nächsten Fälligkeitstag genug Geld auf dem Konto liegt.

Auch die Auslastung einer Kontokorrentlinie, also eines eingeräumten Überziehungsrahmens, solltest du im Blick behalten. Wird die Linie dauerhaft zu 80 bis 90 Prozent genutzt oder überschritten, gilt das als Warnsignal. Eine stark genutzte Kreditlinie lässt wenig Spielraum für unerwartete Ausgaben und beweist für sich allein keine Krise.

Als ergänzende Planungsgröße eignet sich die Liquiditätsreichweite:

Verfügbare Liquiditätsreserve ÷ durchschnittlicher monatlicher Nettoabfluss = rechnerische Reichweite in Monaten

Der Nettoabfluss ist der Betrag, um den die Auszahlungen die Einzahlungen im betrachteten Zeitraum übersteigen. Die Rechnung liefert nur dann eine brauchbare Orientierung, wenn die Annahmen realistisch sind. Saisonale Umsätze, größere Fälligkeiten und unsichere Kundenzahlungen gehören deshalb zusätzlich in den Liquiditätsplan.

Eine Cashflow-Rate setzt den Cashflow ins Verhältnis zur Gesamtleistung: Cashflow × 100 ÷ Gesamtleistung. Sie zeigt, welcher Anteil der Gesamtleistung als Cashflow anfällt. Eine Industrie- und Handelskammer (IHK) nennt Werte unter 5 Prozent als Anlass, die Entwicklung genauer zu beobachten. Das ist ein Früherkennungswert aus einer bestimmten Orientierungshilfe, kein allgemeiner Sollwert für jedes junge Unternehmen.

Warnsignale rechtzeitig erkennen

Prüfe zuerst, ob der Liquiditätsplan an einem kommenden Zahlungstermin einen Fehlbetrag ausweist. Das ist konkreter als eine isolierte Kennzahl. Achte außerdem darauf, ob Kunden später überweisen, offene Forderungen wachsen oder du wiederholt Lieferanten um Aufschub bitten musst. Werden Steuern, Tilgungen oder private Entnahmen nicht eingeplant, wirkt der Kontostand besser, als er tatsächlich ist.

Bei einem Warnsignal prüfe konkret: Welche Zahlung fällt wann an? Welcher Eingang ist unsicher? Wie groß ist die Lücke, und ab welchem Datum entsteht sie? Aktualisiere den Plan mit vorsichtigen Annahmen, wenn ein Zahlungseingang nicht feststeht. Die Liquiditätsgrade und das Working Capital helfen, Entwicklungen einzuordnen; die Prüfung der Fälligkeiten zeigt, wann Handlungsbedarf entsteht.

Wenn fällige Zahlungspflichten nicht erfüllt werden können, ist das rechtlich ernst. Nach der Insolvenzordnung liegt Zahlungsunfähigkeit vor, wenn ein Unternehmen fällige Zahlungspflichten nicht erfüllen kann. Eine bestimmte Liquiditätsquote entscheidet diese Frage nicht. Bei konkreten Zahlungsschwierigkeiten solltest du rasch fachkundige rechtliche und betriebswirtschaftliche Beratung einholen.

Bei einer drohenden Lücke handeln

Sobald der Plan eine Unterdeckung zeigt, aktualisiere zuerst die Zahlen und sprich früh mit den Beteiligten. Stelle offene Rechnungen zeitnah. Überwache die Fälligkeiten und mahne systematisch. Bei neuen Aufträgen können Anzahlungen oder Abschlagszahlungen den zeitlichen Abstand zwischen Leistung und Zahlung verkürzen. Factoring, bei dem ein Unternehmen Forderungen gegen Gebühr an einen Finanzdienstleister verkauft, kann Geld früher verfügbar machen; vergleiche dafür Kosten und Vertragsbedingungen.

Prüfe gleichzeitig geplante Auszahlungen. Nicht dringende Anschaffungen lassen sich gegebenenfalls verschieben. Prüfe, ob sich entbehrliche Fixkosten senken lassen. Sprich Lieferanten frühzeitig an, wenn du längere Zahlungsziele oder Raten brauchst, und vereinbare Änderungen ausdrücklich. Überschreite Fälligkeiten nicht stillschweigend. Bei Warenbeständen lohnt sich ein Blick auf langsam verkäufliche oder nicht benötigte Artikel, solange der laufende Betrieb dadurch nicht gefährdet wird.

Wenn diese Schritte nicht reichen, bereite ein Gespräch mit der Bank vor. Ein aktueller Liquiditätsplan und eine Übersicht offener Forderungen helfen, den Bedarf und den Zeitpunkt der Lücke klar zu erklären. Prüfe auch, ob Beteiligungskapital, also Geld von Gesellschaftern, oder passende Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten infrage kommen. Eine Kreditlinie kann Zeit verschaffen, behebt aber keine dauerhaft zu hohen Ausgaben oder zu niedrigen Einnahmen. Kurzfristige Kredite sollten nicht dauerhaft langfristige Investitionen finanzieren.